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Wir wohnen in Bonn. Schon immer. Seit jetzt ca zwei Jahren aber in einem Gebiet von Bonn, bei dessen Namen andere Leute einen schon schräg anschauen, die Nase rümpfen oder entgeistert schauen. Vielleicht kann ich sogar soweit gehen, dass der Stadtteil einer der unbeliebtesten (Und mit Vorurteilen Behafteste) ist. Als wir umziehen wollten hörten wir von allen Seiten (wobei ich mich immer wieder frage, warum um Himmels Willen jeder zu Allem seine Meinung kund tun muss) „Oh nein, doch nicht etwa dahin“ „Warum denn bloss? Da würde ich nie hinziehen! Da wird sogar geschossen und geklaut sowieso“!

Nun, wir leben noch. Noch ist keiner angeschossen worden beim einkaufen und es wurden uns auch noch keine Drogen auf dem Spielplatz angeboten.

Aber natürlich lebt man hier (und geht einkaufen) mit vielen sozialen Schichten, um es mal Milde auszudrücken. Einen grossen Teil davon sieht man immer am Anfang des Monats im hiesigen Einkaufszentrum seine komplette Stütze auf den Kopf hauen um anschliessend mit dem Taxi zu den goldenen Bögen zu fahren (genauso passiert, Wahnsinn oder?). Nichtsdestotrotz gehe ich dort gerne einkaufen, es gibt immer viel zu sehen. Entweder streitet grade eine 8-köpfige Familie um die Aufteilung des letztes Geldes (Stange Kippen contra Brot), eine alte Omi ist umgekippt und der Krankenwagen muss kommen oder man möchte einfach nur EINEN Kasten Leergut abgeben und hat vor sich eine Familie mit 5!! grossen,blauen Plastiksäcken voll mit Flaschen. (Und es gibt nur einen funktionstüchtigen Automaten).

Wie gesagt, ich mag es. Jeder ist eben so wie er ist.

Ja, ich gehe dort gerne einkaufen, wenn ich nicht grade mein Kindlein dabei habe. Desöfteren hat sie schon ihre Meinung geäussert, über den üblen Geruch einer nicht geduschten Dame vor uns an der Kasse („Mama, die muss auch mal ein Prinzessinbad nehmen, oda?“) über den kleinen Jungen, der vor lauter Krusten und Rotz um die Nase kaum atmen konnte („Oh, Mama gib ihm mal ein Tatü ja? Und die Nase muss er auch eincremen, ganz ganz dolle“) oder eben neulich, wo ich nur mal kurz Brötchen holen wollte. (Man beachte, dass sie ihre gut gemeinten Ratschläge immer in einer unüberhörbaren Lautstärke preisgibt, so dass es auch wirklich ALLE Leute im Laden mitbekommen).

Wir stehen also an der Kasse, vor uns Mama mit Kind plus Vater. Auf dem Band Zigaretten, Fleischwurst, ein helles Toast und Scheiblettenkäse sowie eine Big Flasche Cola. ( ich bin eine was-haben-die-auf-dem-Band-Stalkerin) Das kleine Mädchen weint, denke sie war ca 3Jahre alt.

Kleines Mädchen:“Mama Durst hab, Wassa ja?“.

Mutter: (direkt aggressiv) “ Wie Wasser? jetzt gibbet kein Wasser, du musst nicht immer alles haben“

Kleines Mädchen: “ Ich habe Durst Mama“ (weint bitterlich)

Mutter: (Noch eine Spur lauter und aggressiver) „Jetzt reichts aber, ist jut jetzt ja?, Gibt kein Wasser, nachher ausm Hahn, zu Hause“.

Kleines Mädchen steckt sich resigniert den Daumen in den Mund, wackelt apathisch vor und zurück und sagt nichts mehr.

Mein Kindlein hat die ganze Situation mit grossen Augen beobachtet, schaut mich an und streichelt meinen Arm.

„Mama kannst du dem Mädchen mein Hello Kitty Getränk geben? Die hat so Durst und ich nicht mehr so.“ (Vorher riesen Diskussion wegen besagtem Getränk, das Ende vom Lied war dass es aus dem eigenen Portemonaie gekauft wird, deshalb aber Verzicht auf ein Pixi-Buch).

Ich war so gerührt und der Mutter war es anscheinend dann doch so peinlich, dass sie ihrer kleinen Tochter aus der Monsterflasche Cola einen Schluck gegeben hat, ohne das ich die Möglichkeit hatte zu reagieren.

Ohne Worte

2 Thoughts on “Ohne Worte

  1. Schöne Erzählung. Ich lese deinen Schreibstil wirklich sehr gerne und du erzähltst alles auch noch mit einer Art, als ob man es gerade selbst erlebt. Gerne mehr von solchen Texten. Wirklich fantabulös und liebste Grüße Leah

  2. Oh, das tut einem in der Seele leid. Auch in Deutschland gibt es soviele Kinder, die so lieblos und vernachlässigt aufwachsen.
    Ich finde es toll von Deiner Kleinen! Wie alt ist sie nochmal?
    Der Artikel ist toll und regt zum Nachdenken an.
    Liebe Grüße,
    Silke

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